Hohe Zinsen und hohe Aktienindizes schließen sich nicht aus. Steigende Unternehmensgewinne können den Bewertungsdruck zeitweise ausgleichen, und wenige sehr große Aktien können einen kapitalgewichteten Index nach oben ziehen. Für Anleger lautet die entscheidende Frage deshalb nicht, wann der Markt „kippt“, sondern ob das eigene Portfolio auch dann zum Anlageziel passt, wenn Anleiherenditen länger hoch bleiben und die Gewinner des bisherigen Aufschwungs schwächer werden.
Warum höhere Renditen Aktien unterschiedlich treffen
Ein Aktienkurs bildet den heutigen Wert erwarteter künftiger Zahlungsströme ab. Steigt der für diese Zahlungen angesetzte Diskontsatz, sinkt rechnerisch ihr Gegenwartswert. Besonders empfindlich können Unternehmen sein, deren erwartete Gewinne weit in der Zukunft liegen und deren Bewertung bereits hohe Wachstumsraten voraussetzt. Zugleich steigen für kreditabhängige Firmen die Finanzierungskosten. Das kann Investitionen, Margen und Übernahmen bremsen.
Der Effekt ist aber nicht mechanisch. Höhere langfristige Zinsen können auch Ausdruck robuster Konjunktur oder höherer nominaler Gewinne sein. Unternehmen mit Preissetzungsmacht, solider Bilanz und kurzfristig wachsendem Cashflow können den Gegenwind besser abfedern. Banken profitieren in bestimmten Phasen von höheren Zinsmargen, während kapitalintensive Immobilien- oder Versorgungsunternehmen stärker belastet sein können. Eine einzelne Renditemarke ist daher keine verlässliche Verkaufsampel.
Der Handelsblatt-Bericht weist zudem auf eine schwache Marktbreite hin: Laut einer dort zitierten Auswertung lagen zum Ende des dritten Quartals 44 Prozent der Aktien im S&P 500 mindestens 20 Prozent unter ihrem jeweiligen 52-Wochen-Hoch. Gleichzeitig hätten Technologieaktien den Index gestützt. Diese Momentaufnahme ist kein Crashsignal, zeigt aber, warum ein Indexstand allein wenig über das Risiko aller enthaltenen Titel aussagt.
Marktbreite und Konzentration gehören in den Depotcheck
Kapitalgewichtete Indizes geben den größten Unternehmen das höchste Gewicht. Wenn deren Kurse stark steigen, wächst ihr Anteil automatisch. Wer zusätzlich Einzelaktien aus denselben Branchen hält, kann unbemerkt ein Klumpenrisiko aufbauen. Prüfen Sie deshalb nicht nur die Zahl Ihrer Positionen, sondern die tatsächlichen Überschneidungen nach Unternehmen, Sektor, Region, Währung und Geschäftsmodell.
Auch Anleihen sind nicht risikofrei. Die BaFin weist darauf hin, dass bestehende Anleihen bei steigenden Marktzinsen tendenziell im Kurs fallen. Je länger die Restlaufzeit und je niedriger der Kupon, desto stärker kann die Reaktion ausfallen. Wer Anleihen bis zur Fälligkeit hält, hat andere Risiken als jemand, der vorher verkaufen muss. Zusätzlich bleiben Bonitäts- und Liquiditätsrisiken.
Für kurzfristig benötigtes Geld sind stark schwankende Aktien ungeeignet. Eine Notfallreserve verhindert, dass in einer schwachen Marktphase verkauft werden muss. Der langfristige Teil des Vermögens kann breit über Anlageklassen, Regionen und Laufzeiten verteilt werden. Rebalancing – also das Zurückführen auf vorher festgelegte Zielquoten – ist nachvollziehbarer als der Versuch, aus täglichen Zinsbewegungen Ein- und Ausstiegssignale abzuleiten.
Ein sinnvoller Stresstest arbeitet mit Szenarien statt Prognosen. Was passiert, wenn die größten Depotpositionen 30 Prozent verlieren, der Euro deutlich schwankt oder Anleihekurse zugleich fallen? Prüfen Sie die Wirkung auf das Gesamtvermögen und darauf, ob geplante Ausgaben weiterhin finanzierbar bleiben. Wer nur einzelne Kurscharts betrachtet, übersieht häufig, dass verschiedene Positionen auf denselben Zins- oder Konjunkturfaktor reagieren.
Änderungen sollten auch Kosten und Steuern berücksichtigen. Häufiges Umschichten erzeugt Transaktionskosten und kann steuerpflichtige Gewinne realisieren. Eine Konzentration lässt sich je nach Situation schrittweise über neue Sparraten oder ein begrenztes Rebalancing reduzieren. Die passende Lösung hängt von Zeithorizont, Verlusttragfähigkeit und bestehender Vermögensstruktur ab – nicht von einer pauschalen Marktmeinung.
Beziehen Sie Verbindlichkeiten in die Vermögenssicht ein. Wer teure variable Kredite trägt, reagiert auf steigende Zinsen anders als ein schuldenfreier Anleger mit langer Laufzeit. Die BaFin empfiehlt grundsätzlich zu prüfen, ob eine vorzeitige Schuldentilgung wirtschaftlich sinnvoller ist als eine Geldanlage. Vertragskosten, Vorfälligkeitsregeln und ausreichende Liquidität müssen dabei mitgerechnet werden.
Was Sie jetzt prüfen sollten
- Anlagehorizont: Welcher Betrag wird in den nächsten Jahren sicher benötigt und gehört deshalb nicht in schwankungsreiche Anlagen?
- Konzentration: Wie groß ist der Anteil der fünf größten Unternehmen, eines Sektors und eines Landes im Gesamtdepot?
- Bewertung: Welche Gewinn- und Margenannahmen müssten eintreten, damit hoch bewertete Positionen ihren Preis rechtfertigen?
- Finanzierung: Welche Unternehmen im Depot haben hohe Schulden oder müssen bald zu höheren Zinsen refinanzieren?
- Regeln: Gibt es feste Zielquoten und Schwellen für Rebalancing, oder bestimmen Schlagzeilen die Entscheidungen?
Steigende Zinsen sind ein Belastungsfaktor, aber keine verlässliche Prognose für den nächsten Börsenmonat. Ein robustes Portfolio setzt nicht auf eine exakte Zinswende. Es verbindet Liquiditätsreserve, breite Streuung und ein Risiko, das auch bei deutlichen Kursverlusten finanziell und emotional tragbar bleibt. Der Beitrag ist allgemeine Information und keine Anlageempfehlung.